Interview: »Die Tauschbox ist ein richtiges Schmuckstück im Quartier«

25.11.2025 | Tauschen statt kaufen

Über die Tauschbox – ein feststehendes Gartenhäuschen – können die Einwohnerinnen und Einwohner des Bocholter Friedhofsviertels sowie alle Interessierten während fester Öffnungszeiten unterschiedlichste Gegenstände tauschen und miteinander ins Gespräch kommen. Die Tauschbox wird durch ein Team von Ehrenamtlichen begleitet, das regelmäßig zu Gemeinschaftsaktionen einlädt. Agnes Boeßner, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenbüros, und Andrea Unland, Vorstandsvorsitzende des Leben im Alter e.V. (L-i-A) und Projektleiterin, zeigen im Gespräch, wie sich die Tauschbox bereits zu einem lebendigen Treffpunkt im Quartier entwickelt hat. 

Wie ist die Idee der Tauschbox entstanden? Wer sind die einzelnen Akteure und welche Rolle haben sie im Projekt? 

Agnes Boeßner: Wir als Bundesarbeitsgemeinschaft vertreten etwa 500 Seniorenbüros, die es zurzeit bundesweit in Deutschland gibt. Wir bieten den Organisationen in unserem Netzwerk auch immer wieder die praktische Möglichkeit, an verschiedenen Projekten teilzunehmen. So haben wir von 2020 bis 2024 das Projekt »GenerationenKulturenVielfalt« im Bundesprogramm »Demokratie leben« an zehn Standorten durchgeführt. Hier ging es darum, Verbindungen zwischen Jung und Alt und dadurch auch interkulturelle Kontakte herzustellen – also Möglichkeiten zu schaffen, wo sich Menschen begegnen können, die sich sonst nicht begegnen. Die Idee zur Tauschbox ist im Rahmen des Programms eigentlich für ein Hamburger Seniorenbüro entwickelt worden, das ließ sich aber leider nicht realisieren. Und dann hat Bocholt und der L-i-A e.V. die Idee aufgegriffen und umgesetzt.

Andrea Unland: L-i-A e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der in Bocholt seit über 20 Jahren aktiv ist. Die ursprüngliche Idee war es, ältere und hochaltrige Menschen in geeigneter Weise zu unterstützen, damit sie möglichst lange selbstbestimmt und selbstständig zu Hause leben können. Im Laufe der Jahre haben wir uns dahingehend verändert, dass wir nicht nur für ältere Menschen ansprechbar sind, sondern durch unsere Arbeit verstärkt alle Menschen in den Blick nehmen. Wir sind in Bocholt aktuell in drei Quartieren tätig und eines davon ist eben das Friedhofsviertel. Ein weiterer wichtiger Akteur im Rahmen des Tauschbox-Projekts ist neben der Stadt Bocholt die LEG Immobilien SE, denen die meisten Wohnungen im Quartier gehören und die uns als Ortebetreiber bereits einen Quartierstreff in einem ehemaligen Getränkemarkt und Kiosk zur Verfügung stellen, der lange leer stand und sich in unmittelbarer Nähe der Tauschbox befindet. Auch das Grundstück, auf dem die Tauschbox aufgebaut wurde, ist LEG-Eigentum.

Warum fiel die Wahl auf das Quartier Friedhofsviertel? Welche Menschen wohnen dort und wer nutzt die Tauschbox?

Unland: Wir haben uns für das Friedhofsviertel entschieden, weil die Tauschbox in unmittelbarer Nähe zum Quartierstreff angesiedelt werden konnte und wir da eine gute Synergie vermutet haben. Im Quartier und den uns umgebenden Straßen leben zum Beispiel sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung, viele Alleinerziehende, viele Menschen, die auf Bürgergeld oder andere Transferleistungen angewiesen sind. Auf der anderen Seite gibt es hier aber auch Straßenzüge, in denen eher das bürgerliche Milieu anzutreffen ist, mit schmucken Einfamilienhäuschen, wie man das aus einer eher ländlich geprägten Region kennt. Diese beiden Welten kommen aber im Alltag höchstens beim Edeka mal zusammen, ansonsten gar nicht. Diese unterschiedlichen Welten miteinander zu verbinden, war uns wichtig. Und wir stellen fest, dass uns das bei der Tauschbox in der Praxis auch gelingt. Die Motivation, die Tauschbox zu nutzen, ist dabei unterschiedlich, je nach dem, aus welchem sozialen Milieu die einzelnen Personen stammen. Für die Menschen aus dem bürgerlichen Milieu steht eher die Ressourcenschonung im Mittelpunkt, die Menschen aus anderen sozialen Milieus nutzen die Tauschbox tatsächlich als willkommene kostenlose Fundgrube, um Dinge mitnehmen zu können, die für ihren Alltag wichtig sind. Und dann kommen Leute, die das Angebot nutzen, um beispielsweise ihrer Einsamkeit zu entfliehen und Kontakte zu anderen Menschen im Quartier aufzubauen. Und es gibt solche, die das niedrigschwellige Angebot und die begleitende ehrenamtliche Kümmerer-Struktur als unkomplizierte Gelegenheit zur Sozialberatung nutzen. Da kommen Menschen, die behördliche Dinge geregelt haben müssen, Menschen, die Schulden haben oder die aufgrund von Sprachproblemen bestimmte Briefe nicht lesen können.

Boeßner: Die Lage der Tauschbox direkt am Quartierstreff fördert Begegnung und Austausch. Sie ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Quartiers und wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern als gemeinschaftliches Element wahrgenommen. Die Workshops rund um die Tauschbox haben dazu beigetragen, dass sich Menschen aus dem Quartier besser kennenlernen, sich austauschen und mehr über andere Kulturen erfahren konnten. Es gab zum Beispiel verschiedene Osteraktionen und Ernährungsworkshops, es wurden ein Maibaum aufgestellt oder Hochbeete gebaut. Die Tauschbox wirkt somit als sozialer Katalysator. Und sie hat Strahlkraft über das Quartier hinaus: Menschen aus anderen Stadtteilen wurden auf das Projekt aufmerksam und haben den Wunsch geäußert, ähnliche Angebote auch in ihrem Umfeld zu etablieren.

Was hat es mit der schon angesprochenen Kümmerer-Struktur auf sich, die Sie im Projekt initiiert haben? Eine solche Struktur schafft ja Vertrauen, Verlässlichkeit, Sichtbarkeit. Wer sind die Menschen, die sich um die Tauschbox kümmern? 

Unland: Die Tauschbox ist an fünf Tagen in der Woche für mehrere Stunden geöffnet, einmal im Monat auch samstags. Wir haben im Projekt zurzeit sieben Ehrenamtliche, drei Männer und vier Frauen, die sich rund um die Öffnungszeiten und darüber hinaus um die Tauschbox und die damit verbundenen Angebote kümmern. Und die meisten kommen hier aus dem Quartier, eine Person wurde durch unsere Kooperation mit der örtlichen Freiwilligenagentur angeworben. Die Akquise ging sehr schnell, es war überhaupt kein Problem für uns, freiwillig engagierte Menschen im Quartier und der Nachbarschaft zu finden. Die Kümmerer wurden durch Schulungen auf die Arbeiten vor Ort vorbereitet – und zwar nicht nur auf die konkrete Arbeit in der Tauschbox, sondern darüber hinaus auch auf mögliche Problemlagen und Beratungsangebote. Durch ihr erlerntes Wissen können die Kümmererinnen und Kümmerer in geeigneter Weise auch auf die »stillen« Bevölkerungsgruppen eingehen. Zudem bieten wir regelmäßige Reflexionsrunden an, um gemeinsam zu schauen, was gut läuft und was nicht. 

Boeßner: An dieser Stelle ist es auch immer wieder wichtig zu betonen, dass Ehrenamt auch das Hauptamt braucht, um Kontinuität zu gewährleisten. Bei einem festen Ansprechpartner kann man Informationen bekommen und  auch mal Ballast abladen. Denn die Ehrenamtlichen kriegen ja oft auch Situationen mit, mit denen sie erst mal nicht gerechnet haben oder die sie überfordern können. Und da ist es einfach wichtig, eine Möglichkeit zu haben, dass man mit jemandem darüber sprechen kann.

Unland: Wir bekommen ganz tolles Feedback, denn alle Engagierten sind total begeistert und mit Freude bei der Sache. Und das Beste ist: alle sieben Kümmerer werden ihre Arbeit nach Ende der Projektförderung fortsetzen.

Boeßner: Dass die Tauschbox bislang so erfolgreich ist, liegt meines Erachtens wirklich an der guten Betreuung durch die engagierten Menschen vor Ort, aber auch daran, dass die Nachbarschaft selber stark ins Projekt eingebunden ist. Die Tauschbox ist ja ein richtiges Schmuckstück im Viertel, nach dem alle gemeinsam schauen. Werden außerhalb der Öffnungszeiten Tauschgegenstände an der Box abgestellt, nehmen die Nachbarn diese auch schon mal in Verwahrung und geben sie später an die Kümmerinnen und Kümmerer weiter.

Unland: Wir haben durch die gewählte Struktur auch bislang keine Probleme mit Vandalismus, zum Beispiel. Bis jetzt ist nichts passiert. Selbst die Blumen, die draußen um die Tauschbox gepflanzt wurden, stehen noch (lacht). Die Menschen in der Nachbarschaft sind durchweg neugierig auf das Projekt und seine Angebote und wertschätzen es.  

Wie gelingt es Ihnen, die Menschen anzusprechen und sie miteinander ins Gespräch zu bringen?

Unland: Zunächst einmal ist die Tauschbox sichtbar, sie ist nichts Abstraktes, sondern sehr konkret. Das ist schon mal ganz wichtig für den Einstieg in ein mögliches Gespräch. Die Ansprache der Besucherinnen und Besucher erfolgt dann in erster Linie über die Ehrenamtlichen. Sie merken, ob sie sich ein bisschen zurückhalten müssen, weil jemand einfach mal schauen möchte oder ob jemand Redebedarf hat. Die bisher gemachten Erfahrungen zeigen: das Tauschen ist im Projekt wichtig, das Reden und die Begegnung aber genauso. Denn manche Gäste, egal ob Alt oder Jung, kommen ausschließlich wegen der Begegnung mit anderen zur Tauschbox, sie suchen dort das Gespräch. Ansonsten machen wir auf das Angebot aufmerksam, indem wir Einladungen in die Briefkästen verteilen, es gibt Mund-zu-Mund-Propaganda, wir nutzen Social Media. Mit den Wohnungsbaugesellschaften haben wir die Vereinbarung, dass wir in den Hausfluren Plakate aufhängen dürfen. Wir nutzen unsere Netzwerke und alle Akteure, mit denen wir im Rahmen der Quartiersarbeit eng zusammenarbeiten. Damit Begegnung gelingt, braucht es Menschen, die offen sind, die tolerant sind, die auf Menschen so zugehen können wie unsere Ehrenamtlichen. Und es braucht natürlich geeignete Formate.

Die Tauschbox ist also offenbar weit mehr als ein Objekt, in dem man Dinge tauschen kann, sondern sie ist auch eine informelle Kommunikationsdrehscheibe und ein sozialer Ort. Zugleich verbindet die Tauschbox in ihrer Alltagstauglichkeit die Menschen im Quartier, sie ermöglicht als Lernort kollektive und individuelle Lernprozesse. 

Unland: Dass die Tauschbox als Lernort genutzt wird, dieser Effekt ist wirklich da. Ich möchte ein Beispiel geben, dass dies unterstreicht. Einer unserer ehrenamtlichen Kümmerer lebt erst seit kurzer Zeit in Deutschland und seine Motivation mitzumachen war auch, durch die Tätigkeit bei uns seine Sprache zu verbessern, die deutsche Kultur und seine Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen. Und genau das gelingt. Auf der einen Seite kann er übersetzen, wenn Menschen aus seinem Land zur Box kommen, auf der anderen Seite ist er ja immer mit einem deutschstämmigen Ehrenamtlichen vor Ort. Das heißt, er kann auch gut Deutsch lernen und in der Kommunikation mit den Besucherinnen und Besuchern und durch unsere Angebote lernt er Land und Leute kennen und manches andere mehr. Dieser Kompetenzaufbau und die erfahrene Selbstwirksamkeit helfen bei der Integration. 

Wenn Sie nach vorne schauen: Welche Wünsche für die Zukunft gibt es? 

Boeßner: Für das Projekt wünschen wir uns natürlich, dass das, was hier in einem Jahr entstanden ist, so lebendig bleibt, wie es ist. Und dass auch möglichst viele andere Seniorenbüros an anderen Orten Möglichkeiten finden, diese tolle Idee umzusetzen.

Unland: Das Schöne ist, das unser Projekt ja über das Quartiersbüro absehbar in die Quartiersarbeit der Kommune eingebunden bleibt. Toll ist auch, dass die Ehrenamtlichen alle am Ball bleiben ist. Diese Kontinuität ist wichtig, weil sich mittlerweile Vertrauen zwischen allen Beteiligten aufgebaut hat. Wie wir die Tauschbox zukünftig als generationenübergreifenden und interkulturellen Lernort mit seinen Angeboten weiterentwickeln, diese Frage finde ich spannend und möchte ich gerne weiterbearbeiten.