Begegnung gemeinsam gestalten

26.11.2025 | Autor: Rainald Manthe

Nach zwei Jahren Förderfonds »Begegnung und Zusammenhalt« steht fest: Gesellschaftlicher Zusammenhalt braucht Begegnung und Dialog über unterschiedliche Milieus und soziale Grenzen hinweg. Das haben alle geförderten Projekte des Fonds im Rahmen ihrer Arbeit eindrucksvoll bestätigt. Vor diesem Hintergrund fasst der Autor Rainald Manthe in seinem Gastbeitrag anschaulich zusammen, wie Begegnung im Alltag gemeinsam gestaltet werden muss – und was das alles mit Demokratie zu tun hat. 

Liegt die Lösung für die Probleme unserer Demokratie vielleicht im Alltag? Haben alltägliche Begegnungen etwas mit dem Zustand der Demokratie zu tun? Diese Fragen sind nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Dass Demokratie und Begegnung etwas miteinander zu tun haben und dass es vor allem die alltäglichen Begegnungen sind, die einen Unterschied machen, scheint erst einmal evident. Sie prägen unser Bild voneinander. Sie können die Bilder voneinander verändern. Und diese Bilder voneinander sind relevant dafür, wie gut eine Demokratie auf Dauer funktioniert. Ich nähere mich dem Phänomen in drei Schritten: Über den Zustand der Demokratie und des Vertrauens (I), über die Veränderungen der Begegnungen (II) und über die Möglichkeiten, heute Begegnung zu gestalten (III).

I. Demokratie und Vertrauen

Die Demokratie ist herausgefordert wie seit Jahrzehnten nicht mehr, zumindest in den Ländern der westlichen Industriegesellschaften. Die Verdichtung weltweiter Krisen setzt ihr zu, sie schafft es nicht mehr, in adäquater Geschwindigkeit zu reagieren.

Dies lässt sich zentral an sinkenden Vertrauenswerten ablesen. Studien zum gesellschaftlichen Zusammenhalt oder zum Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie zeigen deutlich: Zwischen 2021 und heute ist etwas verloren gegangen, und zwar in stärkeren Maße als in den Jahren zuvor. Die Werte erholen sich nur sehr langsam und kommen nicht beim selben Niveau an wie vor der Corona-Pandemie (1).

War also die Pandemie schuld? Auch – aber nicht allein. Wir erleben seit 2020 eine Häufung von gesellschaftlichen Großkrisen, die kaum eine Erholung zulassen. Klaus Hurrelmann nennt dies eine »gesellschaftsweite posttraumatische Belastungsstörung«, in der wir uns befinden: ein Zuviel an Krisen in zu kurzer Zeit (2).
 


Das ist insofern problematisch, als dass Demokratien vertrauensbedürftig sind. Sie sind – wesentlich stärker als autoritäre Regime – darauf angewiesen, dass ihre Bürger/innen einander sowie den Institutionen des Zusammenlebens vertrauen. Nur dann werden sie bei Kompromissen weniger egoistisch sein, nur dann werden sie sich an die vereinbarten Regeln des Zusammenlebens halten. Setzen Demokratien übermäßig auf Kontrolle und Strafen, werden Menschen von ihren Freiheitsrechten Gebrauch machen. Sie protestieren, die Presse skandalisiert, und Regierungen werden schnell durch solche ersetzt, die weniger autoritär handeln.

II. Begegnung und ihr Fehlen

Eine kaum beachtete Veränderung in unserer Gesellschaft, welche die soziale Grundlage der Demokratie verändert, ist die Veränderung unserer alltäglichen Begegnungen. Wem die Deutschen täglich von Angesicht zu Angesicht begegnen, ist heute anders als noch vor 20 oder 30 Jahren. Viele der Orte, an denen Gesellschaft noch vor ein, zwei Jahrzehnten zusammenkam, sind weniger geworden. Das sind etwa Kneipen, aber auch Schwimm- und Freibäder, Bibliotheken, Kirchen und ihre Gemeindehäuser, Jugendclubs für die Jüngeren.

Drei Prozesse waren dafür maßgeblich verantwortlich. Die Deutschen sind, erstens, individualistischer geworden. Retreat statt Kirche, Fitnessstudio statt Sportverein, projektförmiges Engagement statt Partei – die Elemente des Lebens werden heute freier gewählt und damit auch das eigene Umfeld. Das führt aber auch dazu, dass wir immer mehr Menschen begegnen, die uns in verschiedenen Dimensionen ähnlich sind.

Der Rückzug des Staates

Der Staat hat sich, zweitens, aus der Finanzierung öffentlicher Infrastrukturen stark zurückgezogen. Seit den 1990ern hieß es: Markt statt Staat. Der Markt sollte es richten. Kommunale Schwimmbäder wurden durch teure Erlebnisbäder ersetzt, Shoppingmalls ersetzten belebte Innenstädte, die Öffnungszeiten vieler staatlich finanzierter Einrichtungen wurden reduziert, ebenso die Pflege der Parks. Heute merken wir: Es wurde vielerorts zu weit getrieben.

Und drittens wohnen die Deutschen stärker unter sich. Zumindest für die deutschen Städte kann man feststellen: Einkommensstark und mit hohen Bildungsabschlüssen findet man eher am Stadtrand, arm und bildungsarm eher in den Hochhaussiedlungen der 1960er und 1970er Jahre (3). Man trifft sich weniger: im Hausflur, beim Einkaufen, aber auch in der Schule und beim Elternabend. Eine Nebenfolge dieser drei Prozesse ist der Wegfall vieler Begegnungsorte. Das hat Rückwirkungen darauf, wie wir zu Menschen stehen, die anders sind als wir selbst.

Demokratie braucht Begegnung

Demokratie braucht Begegnung von Angesicht zu Angesicht (4). Wir müssen immer mal wieder einen Ausschnitt der Menschen wahrnehmen, mit denen wir in einer Gesellschaft leben. Dafür spielen auch viele, flüchtige Begegnungen eine Rolle, denn auch sie irritieren unsere Stereotype. Sprachlicher Austausch, die wiederkehrende Begegnung der immer gleichen Menschen und das gemeinsame Tun ergänzen diese Form.

So werden Unbekannte zu legitimen Anderen: Wir erkennen sie als Gesellschaftsmitglieder an, obwohl sie anders sind. Das ist in Demokratien wichtig, denn abstrakt einigen wir uns mit all diesen anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf die Regeln des Zusammenlebens.
 


Besonders relevant sind hierfür gerade keine Orte, an denen man Demokratie vermuten würde, sondern Alltagsorte: Cafés und Kneipen, Parks und Möbelhäuser sind die Orte, an denen ein Großteil der Gesellschaft sich mischt. Viele davon sind – Demokratieaktivist/innen mögen skeptisch sein – Konsumorte. Bibliotheken, Museen und Angebote der Politischen Bildung werden hingegen nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung regelmäßig aufgesucht. (5)

III. Begegnung gestalten

Die Zivilgesellschaft hat die Relevanz des Themas Begegnung schon lange erkannt. Sie schafft Räume, oft niedrigschwellig, oft auch mit wenigen Mitteln und vor Ort. Es gibt darüber hinaus eine neue, gesellschaftliche Aufmerksamkeit dafür, dass Demokratie Begegnung braucht. Mehrere Bundesländer haben Programme zur Förderung von Dorfkneipen oder Dritten Orten aufgelegt, große Demokratiestiftungen kümmern sich – oft in Kooperation – um Allzeitorte, alltägliche oder soziale Orte. Einzelne Kommunen gehen voran – wie etwa Lübeck mit dem »Übergangshaus« oder Hanau mit dem »Stadthof« – und gestalten sehr aktiv die Begegnung ihrer Stadtgesellschaft.

Diese Programme sind wichtig, denn sie erreichen zweierlei: Sie zeigen, was konkret möglich ist. Und sie manifestieren die Aufmerksamkeit, indem sie darüber sprechen, was sie tun und Begegnung zeitgemäß und erlebbar machen.

Was heute möglich ist, unterscheidet sich von früheren Begegnungsorten. Will man möglichst die gesamte Breite der Gesellschaft erreichen, scheinen drei Wege vielversprechend:

Multifunktionale Räume

Was, wenn Orte nicht nur einem Zweck folgen, sondern verschiedene Nutzungen ermöglichen? Wir kennen das aus modernen Bibliotheken, die Treffpunkt sind, Leseort, Lernmöglichkeit, Ruheoase und mehr. Auch Parks werden oft vielfältig genutzt, für Sport und Erholung, für Dating und Flanieren. Solche Multifunktionalen Orte können aber noch mehr sein: Das umgebaute Herrenhaus auf dem Land mit Arztpraxis, Jugendraum, Ort für Alte, Dorfladen und mehr. Das alte Warenhaus in der Innenstadt mit Museum, Hochschule, Restaurants und Geschäften. Oder das Dorfgemeinschaftshaus, in dem als MehrWertOrt Coworking stattfindet, man gemeinsam Kaffee trinkt, ein kleiner Dorfladen Waren anbietet und die Vereine sich treffen und das nebenbei auch noch der Einsamkeit im Ort entgegenwirkt. Multifunktionale Orte haben Potential, weil Menschen sie aus verschiedenen Gründen aufsuchen und sich so mischen. Und nicht zuletzt teilt man sich die Kosten der Infrastruktur, so sind etwa kommerzielle und gemeinnützige Nutzungen nebeneinander denkbar, die Akteure lernen darüber hinaus gleich, zu kooperieren.

Kooperationen

Apropos Kooperationen: Gute Orte gestalten die wenigsten Akteure allein. Neue Akteurskonstellationen, wie sie zumindest in der Breite kaum stattfinden, können helfen. Ich denke hier vor allem an ein Dreiergespann von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Alle drei Akteure bringen unterschiedliche Kompetenzen mit: Staatliche Akteure besitzen Regelungskompetenz, aber auch Flächen, die für Begegnungsorte genutzt werden können. Die Wirtschaft ist stark im Projektmanagement und möchte sich gerade lokal häufig gerne einbringen. Und die Zivilgesellschaft hat Ideen, ist es gewohnt, mit Menschen zu arbeiten und das häufig innovativ. Alle drei Akteure zusammenzubringen ist nicht einfach, aber doch lohnenswert.

Ein tolles Beispiel für aussichtsreiche Kooperation ist das Projekt »Möten« bei Ikea in Kassel, bei dem das Möbelhaus seine Fläche zur Verfügung stellt, während eine Initiative für ein Diskussionsprogramm mit Gästen sorgt. Auch Baumärkte oder Kneipen können solche Orte ein. Eine andere Möglichkeit ist etwa die Apotheke in Bad Berleburg in NRW, die über ihren Lieferdienst auch die Bücher der lokalen Bibliothek zu den Leser/innen bringt, während die Zivilgesellschaft Spieleabende und Diskussionsformate für die Bibliothek gestaltet. Mehr zusammen auf die Beine stellen, vor allem in neuen Konstellationen, kann helfen, Begegnung schnell und unkompliziert zu gestalten.

Niedrigschwellige Angebote im Alltag

Wichtig ist auch eine niedrigschwellige Gestaltung von Begegnungsorten. Der naheliegendste Schritt ist hier, Orte zu wählen, die Menschen sowieso besuchen. Diese »Sowieso-Orte« liegen im Alltag von Menschen, sind Einkaufsort, Hobbyort, manchmal sogar Straße oder Bahn, die genutzt werden. Diskussionsangebote in Straßenbahnen, wie Kristina Krömer sie mit ihrem Verein metro_polis in Dresden zu jeweils aktuellen Themen anbietet, können das ebenso sein wie ein Gesprächstisch beim lokalen Kettenbäcker oder ein Brettspiel beim Kiosk um die Ecke.
 


Auch die Ansprache ist entscheidend. Steht auf Orten oder Projekten »Demokratie« oder »Politische Bildung«, ja häufig bereits »Begegnung«, wird sie vermutlich eher introvertierte oder skeptische Menschen abschrecken. Sind die Hürden niedrig, wird erst einmal keine Diskussion angeboten, sondern gemeinsames Spielen, nebeneinander sitzen oder kochen, verbreitert sich das Publikum. Und das tut Not, denn unsere Demokratie steht vor großen Herausforderungen. An der Gestaltung des Zusammenlebens und unserer gemeinsamen Zukunft sollten so viele Menschen wie möglich mitwirken.

Begegnung gestalten – vor Ort und als Gesellschaft

Beispiele, wie Begegnung gestaltet werden kann, gibt es also genug. Sie zeigen, dass Begegnung gestaltbar ist und tragen ganz konkret zur Vertrauensbildung vor Ort bei. Sie zeigen auch, welche Formate weniger gut funktionieren und ermöglichen es, dass nicht alle dieselben Fehler machen müssen. Doch Projekte vor Ort reichen nicht. Wir müssen als Gesellschaft darüber sprechen, wie wir unsere Begegnungen in den 2020er- Jahren gestalten wollen. Wir müssen darüber sprechen, welche Orte wir uns vorstellen, welche Rolle der Staat, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft spielen sollen und wie sich die Rahmenbedingungen dafür ändern müssen. Wir müssen darüber diskutieren, weil Begegnungen unser gesellschaftliches Miteinander prägen und das Potential haben, unsere Demokratie resilienter zu machen und zu ihrem dauerhaften Funktionieren beizutragen.

Dafür brauchen wir – neben vielen guten, lokalen Projekten – auch Studien, Netzwerke, Diskussionskreise und Veröffentlichungen. Begegnungsgestaltung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gehen wir sie an.

 


Anmerkungen

(1) Siehe etwa Boehnke, Klaus, Georgi Dragolov, Regina Arant, and Kai Unzicker. 2023. Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2023: Perspektiven auf das Miteinander in herausfordernden Zeiten. Gütersloh, Deutschland: Bertelsmann Stiftung.

(2) »Die Bevölkerung ist erschöpft«. Interview mit Klaus Hurrelmann vom 3. August 2023: https://taz.de/Forscher-ueber-Zustand-der-Gesellschaft/!5951963/ (zuletzt abgerufen: 19.11.2025)

(3) Helbig, Marcel. 2023. Hinter den Fassaden. Zur Ungleichverteilung von Armut, Reichtum, Bildung und Ethnie in den deutschen Städten. Berlin.

(4) Ausführlich in Manthe, Rainald. 2024. Demokratie fehlt Begegnung. Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts. Bielefeld: transcript verlag.

(5) Siehe die Karte in More in Common Deutschland. 2023. Begegnungsradar. Ein Magazin aus der Werkstatt für Begegnung & Zusammenhalt. Ausgabe 1 / Schwerpunkt: Unternehmen als Begegnungsorte. Berlin.
 

Über den Autor

Dr. Rainald Manthe ist Soziologe, Autor und Vorstand der spendenfinanzierten Stiftung Bildung. Sein letztes Buch »Demokratie fehlt Begegnung. Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts« ist 2024 beim transcript Verlag erschienen. Er hat in Duisburg-Essen und Bielefeld studiert und in Luzern über die Rolle transnationaler Treffen sozialer Bewegungen – der Weltsozialforen – promoviert. Auslandsaufenthalte führten ihn nach St. Petersburg, Chicago und Paris. Er hat den Programmbereich »Liberale Demokratie« beim Berliner Think-Tank Zentrum Liberale Moderne aufgebaut und bis 2023 geleitet.

Rainald Manthe schreibt regelmäßig zu den Entwicklungen und Herausforderungen der Demokratie, u.a. auf ZeitOnline, im Focus, der WirtschaftsWoche, dem Global Solutions Journal u.a. Weitere Bücher: »Warum treffen sich soziale Bewegungen?« (2020) und »Liberalismus neu denken« (Hrsg. 2022 mit Ralf Fücks, übersetzt ins Englische und Polnische). Weitere Informationen unter www.rainald-manthe.de