17.07.2025 | Stand der Dinge
Für viele mag ein Marktstand vor allem eines sein: ein Ort zum Kaufen und Verkaufen. Doch der »Stand der Dinge« des Mütter- und Familienzentrums e.V. (Müfaz) in Bad Nauheim hat etwas anderes »im Angebot«. Seit dem Projektstart im Frühjahr 2024 ist das Team um Florian Jung regelmäßig vor dem Schuckhardtbrunnen auf dem Aliceplatz anzutreffen – ohne Waren, dafür aber mit Gesprächen und Begegnungen. Wie fällt die erste vorläufige Bilanz nach einem Jahr Begegnungsarbeit auf dem Wochenmarkt aus?
Damit ein »Marktstand« zu einem lebendigen Ort der Begegung werden kann, braucht es mehr als nur Stühle und einen Tisch. Zum Beispiel frische Blumen und Getränke auf dem Tisch. »Mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand sind die Leute viel offener«, lautet eine spontan geäußerte Beobachtung des Projektleiters Florian Jung. Das Beispiel macht klar: Es braucht bestimmte Rahmenbedingungen, die gute Gesprächssituationen befördern. Dazu gehören neben der Ausstattung des Stands eine vielfältige Programmgestaltung – punktuell in Kooperation mit anderen lokalen Akteuren – ebenso wie ein hohes Maß an Zugewandtheit und Offenheit seitens des Projektteams. Doch wurde im Laufe eines Projektjahrs auch deutlich, dass nicht alle Faktoren, die eine einladende Atmosphäre ausmachen, immer in den Händen der Projektverantwortlichen liegen.
So berichtet Florian Jung, dass die Besucherzahlen mit Einzug der kälteren Jahreszeit deutlich zurückgingen: »Als es ungemütlicher wurde, hat man gemerkt, dass der Markt nicht mehr so stark frequentiert wurde. Und da wir von der Nachbarschaft zu den Verkaufsständen rings um uns herum profitieren, hat sich dies auch auf unsere Angebot ausgewirkt. Die Wetterabhängigkeit ist einfach gegeben, bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein beschert uns der Markt andersherum viele Menschen am Stand, die einfach ein bisschen durch die Stadt bummeln wollen und hier hängen bleiben.«
Trotz zeitweise schwieriger Witterungsverhältnisse war der »Stand der Dinge« das ganze Jahr über verlässlich präsent – immer dienstags und in den meisten Wochen bei gutem Wetter auch freitags. »Die Regelmäßigkeit des Angebots ist wichtig. Viele kommen nicht nur einmal, sondern immer wieder, weil sie wissen, hier habe ich eine Anlaufstelle zum Sprechen«, erklärt Jung mit Verweis auf den Vertrauensvorschuss, den das Müfaz bei vielen in Bad Nauheim genießt.
»Wir machen auch aus uns selber kein Geheimnis«
Um die Menschen ins Gespräch zu bringen, setzte das Projektteam bewusst kleine Themenanlässe und Fragen, die Menschen einladen, sich zu öffnen. Auch die einfache Frage »Wo drückt der Schuh?« diente immer wieder mal als Türöffner für Besucher/innen, ihre Alltagssorgen oder persönliche Anliegen anzusprechen. Florian Jung hierzu: »Die Leute öffnen sich tatsächlich auch mit sehr intimen oder privaten Themen. Ich glaube, es liegt auch daran, dass wir vom Stand sympathisch rüberkommen, jeden und jede ernstnehmen und den Menschen das Gefühl geben, sie können uns ihre Geschichte erzählen.«
Gleichzeitig schafft das Team mit einer einladenden Atmosphäre und persönlicher Offenheit Nähe und Vertrauen: »Wir machen auch aus uns selber kein Geheimnis. Wir sind nicht nur in der Rolle als Projektmitarbeiter hier, sondern so, wie wir sind. Die Leute merken das und öffnen sich dadurch«. Häufig sei es gerade dieser persönliche Austausch und das Gefühl, wirklich verstanden zu werden, der Menschen wiederholt den Austausch suchen lässt, ist Jung überzeugt.
»Bundestagswahl – da kommen die Leute von ganz alleine ins Gespräch«
Trotz der vielen positiven Erfahrungen blieb es eine Herausforderung, Besucher/innen auch untereinander ins Gespräch zu bringen. Dies gelang am Besten bei konkreten Gesprächsanlässen und Themen, wie etwa bei kulturellen oder politischen Diskussionen. »Neue Gesprächskonstellationen zu schaffen, war tatsächlich anfangs sehr schwer, weil die Leute sich zunächst mehr auf uns bezogen haben. Aber bei Themenangeboten wie ›typisch deutsch, typisch italienisch‹ oder zu aktuellen Ereignissen wie der Bundestagswahl im Februar sind sie von ganz alleine miteinander ins Gespräch gekommen«, erzählt Jung. Um diesen Austausch anzuregen und Anknüpfungspunkte zu schaffen, war für die Projektmitarbeitenden auch das Wissen über aktuelle (lokale) Geschehnisse stets wertvoll.
Das, was auf dem Markt entstanden ist, soll nach Projektende nicht einfach verschwinden, sondern in andere Angebote des Mütter- und Familienzentrums mitgenommen und dort fortgeführt werden. Auch die Frage nach niedrigschwelligen Anlaufstellen, treibt das Projektteam um. Denn nicht wenige Besucher/innen schätzten den Stand als einen barrierearmen Ort, den sie stets aufsuchen konnten, wenn es mal wieder »drückt«.