Interview: »Beziehungsarbeit braucht Zeit und Verlässlichkeit«

Können eine Tasse Kaffee und ein Gespräch die Welt ein klein wenig besser machen? Diese Frage stand am Anfang des Projekts »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s«. Im Gespräch zeigt Projektleiterin Daniela Malz, wie Bäckereifilialen in Erfurt zu Orten der sozialen Verbundenheit werden und welch große Wirkung in kleinen Alltagsmomenten stecken kann.

Frau Malz, wer ist die Bürgerstiftung Erfurt und was hat es mit dem Projekt »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s« auf sich? 

Daniela Malz: Die Bürgerstiftung Erfurt versteht sich als Mitmachstiftung, die eigene Projekte initiiert, um Erfurt für seine Bewohnerinnen und Bewohner zukunftsfähiger zu gestalten, die aber zugleich auch lokale Akteure dazu einlädt, ihre Ideen unter dem Dach der Stiftung umzusetzen. Die Erfurter EngagementAgentur ERNA wird von der Bürgerstiftung ebenso umgesetzt wie das Erfurter Spendenparlament. Das Projekt »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s«  hat zwischen Mai 2024 und August 2025 neue Formen des Alltagsdialogs erprobt. Ziel war es, als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt spontane und organisierte Gespräche in Bäckereien zu ermöglichen. Ich habe für die Bürgerstiftung Erfurt das Projekt geleitet, koordiniert und umgesetzt.

Wieso haben Sie sich für diesen Ort entschieden und was macht den Begegnungsort »Bäckerei« aus? 

Daniela Malz: Die Bäckerei Bergmann hat insgesamt elf Filialen in Erfurt. Wir haben uns für das Projekt dazu entschieden, solche Filialen auszuwählen, die in verschiedenen Vierteln der Stadt liegen und von unterschiedlichen Menschen und sozialen Milieus frequentiert werden. Zugleich mussten die Filialen mit einem Café-Ambiente eingerichtet sein, so dass wir unser Konzept der Plaudertische umsetzen konnten. Das Projekt hat gezeigt, dass alltägliche Orte wie Bäckereien zu Orten gesellschaftlicher Begegnung werden können – wenn sie sichtbar, verlässlich und einladend gestaltet sind.

Wer hat die die »Kaffeeklatsch«-Angebote genutzt und wie viele Menschen konnten Sie erreichen? 

Daniela Malz: Während der Projektlaufzeit haben wir insgesamt 66 Gesprächsrunden in vier Bäckerei-Filialen in unterschiedlichen Erfurter Quartieren durchgeführt und mehr als 500 Menschen direkt erreicht. Die Gesprächsrunden wurden erfreulicherweise für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu festen Ankern im Alltag.

Welche Herausforderungen und Lernprozesse haben sich im Rahmen der Gesprächsrunden ergeben?

Daniela Malz: Es hat sich gezeigt, dass ungewohnte Gesprächsangebote in Alltagsumgebungen zunächst auf Zurückhaltung stoßen. In der deutschen Alltagskultur ist es eher unüblich, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen – vor allem, wenn man eigentlich gerade etwas anderes tun wollte, zum Beispiel Brötchen kaufen oder Kaffee trinken. Viele Menschen haben anfangs freundlich, aber eher reserviert auf unsere Einladung reagiert. Hier war Geduld gefragt. Erst durch wiederkehrende Präsenz, stetiges persönliches Einladen und ein vertrautes Gesicht am Plaudertisch ist nach und nach das Vertrauen gewachsen, das für unser Vorhaben wichtig ist. Wir haben zudem gelernt, dass ein Schild oder ein Aufsteller – so hilfreich sie sind – keine Selbstläufer sind. Die meisten Menschen folgen im öffentlichen Raum ihren gewohnten Routinen. Ein Tisch mit der Aufschrift »Plaudertisch« wird also nicht automatisch als offene Einladung wahrgenommen. Und selbst wenn, bleibt oft eine innere Unsicherheit: Darf ich mich dazusetzen? Was passiert dann? Wir haben gemerkt, erst wenn ein anderer Mensch bereits Platz genommen hat und Offenheit zeigt, wird aus der Einladung ein tatsächlicher Gesprächsanlass. Wir haben aber auch gemerkt, dass unser Kaffeeklatsch zwar viel auffangen kann, er aber kein therapeutischer Raum ist, der professionelle Hilfsangebote ersetzt. Emotionale Ausnahmezustände wie tiefe Trauer oder Aggression lassen sich nur begrenzt innerhalb einer solchen Runde auffangen. Hier stößt die Moderation durch Freiwillige an ihre Grenzen. Unsere ehrenamtlichen Moderator/innen und auch ich als Projektleiterin mussten lernen, in solchen Momenten Haltung zu bewahren, notfalls in ein Einzelgespräch zu wechseln oder im Extremfall ein Thema abzubrechen. Ein Projekt wie der Kaffeeklatsch braucht klare Grenzen und Richtlinien, um alle zu schützen – und die Einsicht, dass nicht jeder und jede erreicht oder dauerhaft gehalten werden kann. Das Projekt hat eindrücklich gezeigt, dass Beziehungsarbeit Zeit und Verlässlichkeit braucht.

Was sind aus Ihrer Sicht weitere wichtige Gelingensbedingungen?  

Daniela Malz: Das Projekt hat im Verlauf der 16 Monate eine Reihe von Wirkungen auf individueller und gemeinschaftlicher Ebene erzielt. Durch die Kaffeeklatsch-Runden wurden erst einmal zahlreiche neue Begegnungen zwischen Menschen ermöglicht. Insgesamt kamen mehrere Dutzende Erfurter/innen – unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft und Lebenslagen – ins Gespräch. Viele dieser Kontakte wären ohne das Projekt wohl nicht zustande gekommen, davon bin ich überzeugt. So trafen am Plaudertisch Rentnerinnen auf Studierende, Alteingesessene auf Zugezogene, Berufstätige auf Arbeitssuchende. Die zwanglose Atmosphäre hat Barrieren gesenkt, der Raum hat die Augenhöhe geschaffen. Besonders hervorheben möchte ich auch die Begegnungen quer über Generationen und Kulturkreise hinweg. Ein zentrales Ziel war zudem, die Kultur des Gesprächs im Alltag zu beleben. Hier zeigte sich deutlich, dass die Teilnehmenden den geschützten Rahmen des Kaffeeklatschs genutzt haben, um offen über das zu sprechen, was sie bewegt – seien es kleine Alltagserlebnisse oder große gesellschaftliche Fragen. Im Gegensatz zu formellen Diskussionsrunden standen beim Kaffeeklatsch persönliche Geschichten und aufmerksames Zuhören im Vordergrund. Dabei entwickelte sich im Lauf der Zeit eine respektvolle Gesprächskultur; unterschiedliche Meinungen wurden zugelassen, aber immer im zivilen Ton ausgetauscht. Mehrere Teilnehmende haben im Nachhinein gesagt, sie hätten lange keine so guten Gespräche mehr geführt. Ein Teilnehmer war sogar der Meinung, dass die Politik sich ein Beispiel an der offenen und zugewandten Gesprächsatmosphäre am Kaffeeklatsch-Tisch nehmen sollte (lacht). Dieses Feedback zeigt, dass wir unser Ziel, echten Dialog auf Augenhöhe zu fördern, erreichen konnten. 

Gibt es Menschen, die sich freiwillig für das Projekt engagieren? 

Daniela Malz: Von Anfang an zielte das Projekt ja auch darauf ab, Strukturen zu entwickeln, die über die Förderlaufzeit hinaus Bestand haben. Im Projektverlauf konnten wir mehrere Ehrenamtliche gewinnen, die das Projekt unterstützt haben. Einige von ihnen bleiben dem Kaffeeklatsch auch nach Projektende treu. Es ist erfreulich, dass in vier Cafés Plaudertische installiert wurden, die weiterhin als offenes Angebot bestehen bleiben, das hat die Bäckerei Bergmann zugesagt. Somit existieren in Erfurt nun vier kleine »Inseln der Begegnung«, die frei genutzt werden können. Ob und wie intensiv dies allerdings geschieht, liegt nun in der Hand der Menschen vor Ort. Mindestens an einem Standort hat sich aber bereits gezeigt, dass es klappt: Eine Gruppe von Teilnehmenden führt den Kaffeeklatsch dort in Eigenregie fort, einfach aus eigenem Antrieb. Dieses selbstorganisierte Weitermachen ist ein großer Erfolg und genau das, was wir uns erhofft haben.   

Wie gelingen die Zusammenarbeit und die Kooperation mit der Bäckereikette?  

Daniela Malz: Für ein Projekt wie das unsrige braucht es offene Partner, die die Idee mittragen. Mit der Bäckerei Bergmann haben wir genau so einen Partner gefunden. Das Familienunternehmen ist in Thüringen verwurzelt, setzt auf regionale Rohstoffe und engagiert sich aktiv für Vereine und Initiativen in der Region. Ein Beispiel: In einer Filiale werden Backwaren vom Vortag verkauft, die gesamten Erlöse fließen an soziale Projekte. So verbindet die Bäckerei wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung – und genau an dieser Schnittstelle ist unsere Kooperation entstanden. Die Erfahrungen der Bäckerei als beliebter Alltagsort und unsere Erfahrungen in der Gesprächsführung haben sich ergänzt. Im Mittelpunkt stand dabei immer die Frage: Wie können alltägliche Orte wie eine Bäckerei zu Orten für ein unvoreingenommenes Miteinander werden? Und wie schaffen wir es, eine Form von Leichtigkeit in die Gespräche und zu den Menschen zu bringen? 

Welche Wünsche für die Zukunft gibt es?

Daniela Malz: Fest steht schon jetzt, dass das Projekt Spuren in Erfurt hinterlassen hat: sichtbare Plaudertische, selbstorganisierte Gesprächsgruppen und eine gewachsene Sensibilität für die Bedeutung von Alltagsgesprächen. Es hat aber auch gezeigt, dass spontane Gesprächsformate nicht von selbst funktionieren – sie brauchen Impulsgeber und Begleitung, zumindest in der Anfangsphase. Die Bürgerstiftung Erfurt wird auch künftig Formate erproben und unterstützen, um die Gesellschaft im Gespräch zu halten. Denn wir haben gelernt: Zusammenhalt beginnt im Alltag.