01.10.2025 | TauschHausMobil
Ein gutes Jahr lang war das TauschHausMobil im südlichen Mecklenburg-Vorpommern unterwegs: Montags in den Dörfern entlang der Lehm- und Backsteinstraße und Dienstags auf dem Wochenmarkt in Plau am See. Im Interview berichten Marion Eschenbach, Landschaftsarchitektin und Projektleiterin, sowie Michael Weser, Lehmbauer und Fahrer des umgebauten Postautos, welche Voraussetzungen das Projekt mit sich bringt und warum das Tauschen von Dingen als niedrigschwelliger Anlass zum Austausch von Geschichten so gut funktioniert hat.
Der FAL e.V. hat das Projekt getragen. Was ist das für ein Verein?
Marion Eschenbach: Der Verein hat mittlerweile eine lange Geschichte. Ursprünglich, vor 35 Jahren, war es ein Zusammenschluss, der den vielen Arbeitslosen nach der Wende Beschäftigung geben wollte. Daraus sind viele Projekte entstanden – von der Renaturierung eines Bombenabwurfplatzes, über das Setzen von 50.000 Bäumen bis hin zum Aufbau des Wangeliner Gartens; daher auch der Name: Verein zur Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse westlich des Plauer Sees e.V. Heute sind wir kleiner, vieles läuft ehrenamtlich, aber die Wurzeln in der Region sind geblieben.
Was ist die Vorgeschichte des TauschHausMobils?
Michael Weser: Das Tauschhaus als stationäres Angebot gibt es schon seit ungefähr zehn Jahren in Wangelin. Die Leute fahren teilweise 20 bis 30 Kilometer weit, um ihre Dinge abzugeben. Aber natürlich auch, um zu gucken, was gibt es und um vielleicht etwas mitzunehmen. Weil das Angebot in der Region so gut angenommen wird, weil aber gleichzeitig viele ältere Menschen in der Region nicht so mobil sind, haben wir uns überlegt, wie wir das Tauschhaus zusätzlich zu den Menschen bringen können. Mit dem TauschHausMobil machen wir also von einer Kulturtechnik Gebrauch, die hier in der Region eingesickert und positiv besetzt ist. Es wirkt daher nie künstlich aufgesetzt, wenn wir unterwegs sind.
Welche Erfahrungen haben Sie auf Ihren Fahrten mit dem TauschHausMobil gemacht?
Michael Weser: In den Dörfern erlebe ich es oft so, dass Leute bei uns zusammenkommen, die zwar Nachbarn sind, aber gar keinen Treffpunkt im Dorf haben. Es gibt kein Vereinsleben mehr – und plötzlich entsteht durch die Anwesenheit des TauschHausMobils eine Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Anfang war das gar nicht so einfach. Viele kannten uns nicht, haben zwar mal geschaut, aber nichts erzählt. Mittlerweile ist es anders: Die Leute kennen unsere Gesichter und wissen, dass es bei uns nicht nur um Dinge geht, sondern auch um Austausch von Geschichten und Perspektiven.
Wie funktioniert das Tauschen als Aufhänger für Begegnung?
Marion Eschenbach: Der Begriff »Tauschen« passt doppelt, denn es werden Dinge getauscht, aber auch Worte, Anekdoten und Erinnerungen. Manchmal reicht schon ein kleiner Gegenstand, um ins Erzählen zu kommen. Das ist wie ein Türöffner und viel niederschwelliger, als wenn wir einfach nur da stünden und sagen würden: »Kommt und redet mit uns.«
Michael Weser: Für viele ist das Geben etwas ganz Wichtiges. Sie freuen sich, wenn sie etwas weitergeben können, sei es eine Geschichte, ein Gegenstand oder beides. Und andere nehmen es dankbar an. Manchmal dauert es zwar ein bisschen, bis jemand wirklich etwas mitnimmt, weil die Hemmschwelle groß ist, im Gegenzug nichts dafür zu geben. Manche fragen dann nach einer Spendenkasse. Aber die haben wir bewusst nicht. Denn das ist genau die Idee: Es geht auch, ohne etwas zurückzugeben. Wir sagen dann: »Vielleicht kommen Sie demnächst wieder einmal vorbei und bringen selbst etwas mit und erzählen uns darüber.«
Wo erreichen Sie die Menschen mit dem mobilen Tauschhaus besonders gut – in den Dörfern oder in der Stadt?
Michael Weser: Das ist ganz unterschiedlich. Auf den Dörfern kann es passieren, dass keiner aus dem Haus kommt. Da stehen wir dann und fahren nach einer Weile weiter. Auf dem Markt in Plau am See ist es leichter: Da kennen uns viele und wir haben guten Zulauf, auch von Touristinnen und Touristen. Hier entstehen dann auch Gespräche in Dreierkonstellationen unter sich bis dahin unbekannten Menschen.
Marion Eschenbach: Wir sagen auch ganz offen, dass es es nicht nur ums Tauschen geht, sondern dass wir Begegnungen schaffen wollen. Und das wird positiv angenommen. Wir haben festgestellt, dass gerade Ältere froh sind, dass wir da sind. Viele sind allein, die Kinder leben in den Städten. Da zählt jedes Gespräch. Es geht nicht immer darum etwas mitzunehmen, sondern einfach darum, gesehen zu werden.
Was macht das TauschHausMobil erfolgreich?
Marion Eschenbach: Ganz klar – Verlässlichkeit. Wenn wir regelmäßig da sind, wächst Vertrauen. Auch durch personelle Kontinuität: Wenn jede Woche jemand anderes dort stehen würde, würde das Vertrauen bei einigen Gästen ebenfalls nicht entstehen. Natürlich braucht es gleichzeitig auch ein Team, das offen auf die Menschen zugehen kann und interessiert ist.
Michael Weser: Und manchmal hilft es auch, das Format zu überdenken. Wir haben z.B. gemerkt, dass es besser ist, die Aufenthalte in den Dörfern nicht zu eng zu takten, sondern uns hin und wieder vom vorausfahrenden Händler zu lösen und auch einmal längere Zeit an einem Ort zu bleiben. So können die Leute leichter eine Beziehung zu unserem Angebot aufbauen. Vielleicht stimmen wir in Zukunft mit lokalen Partnern auch mal kleine Fragestellungen zu Themen ab, die hier in der Region viele interessieren und nehmen diese mit auf unsere Tour zu den Menschen.