18.12.2025 | Bella Park
Das Projekt BELLA PARK des Vereins gegen Müdigkeit e.V. bespielt eine urbane Grünfläche in der Nähe des Heidelberger Hauptbahnhofs, die jahrelang vernachlässigt wurde. Ziel ist es, den Ort gemeinsam und im Dialog mit den unterschiedlichen Nutzergruppen und der Nachbarschaft neu zu gestalten. Im Gespräch erläutern die Projektverantwortlichen Ute Seitz und Jasper Schmidt, was es dazu braucht.
Was ist der BELLA PARK?
Jasper Schmidt: BELLA PARK ist ein Projekt in der Nähe des Heidelberger Hauptbahnhofs, das mit künstlerischen Mitteln einen städtischen Angstraum in einen lebendigen Gemeinschaftsort transformiert. Wichtigster Baustein dabei: Menschen, die sich im öffentlichen Raum vor Ort aufhalten und sonst oft stigmatisiert oder marginalisiert werden, arbeiten ganz konkret am Projekt mit. BELLA PARK ist also die gemeinsame Vision, aus dem Ort einen öffentlichen Raum zu machen, der Menschen zusammenbringt und ganz unterschiedliche Nutzungen ermöglicht. Der Name nimmt die Transformation des Ortes vorweg.
Was macht den Begegnungsort BELLA PARK aus?
Jasper Schmidt: Dass wir hier an diesem Ort aktiv sind, hat eine längere Geschichte. Wir haben bereits im Winter 2022 in einer öffentlichen Workshop-Reihe darüber gesprochen, wie wir in Heidelberg aus öffentlichen Räumen WIR-Orte machen können. Und haben im Prozess gemerkt, dass wir einen Ort brauchen, auf den wir die Ideen und Visionen, die in dieser Workshop-Reihe entstanden sind, projizieren und ins Machen kommen können. Dann haben wir uns ganz bewusst für diese Grünflächen entschieden, weil wir gesehen haben, hier ist unglaublich viel Potenzial. Uns geht es in unserer Arbeit ja darum, zu schauen, wie wir den öffentlichen Raum anders nutzen können, nicht nur als Ort für Konsum und Transit, sondern als ein Ort des Miteinanders. Wir suchen nach versteckten Qualitäten des Parks und aktivieren diese zusammen mit allen Besuchern und der Nachbarschaft. Dabei ist es uns wichtig, das bestehende soziale Gefüge nicht zu verdrängen und keinen Prozess der Gentrifizierung auszulösen. Ziel unserer künstlerischen Praxis ist es, festgefahrene Strukturen aufzubrechen, sowohl im Hinblick auf die vielen Konflikte vor Ort als auch auf dessen stigmatisierte öffentliche Wahrnehmung. Um eine Veränderung zu erreichen, setzen wir auf radikales Mit- und Füreinander. Ein Schlüsselkonzept ist dabei eben der WIR-Raum: Ein gemeinschaftlich genutzter Ort, der Interaktion und Zusammengehörigkeit fördert. So bauen wir soziale Barrieren ab und sorgen dafür, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Milieus näherkommen. Essentiell ist dabei die kontinuierliche Präsenz vor Ort: Nur dann ist der Ort lebendig und nur dann kümmern sich Menschen um ihn. Der Kern unserer Interventionen ist intensive Beziehungsarbeit.
Im Zentrum des Projekts steht ein Gesellschaftskiosk. Was hat es damit auf sich?
Ute Seitz: Im BELLA PARK treffen sich unterschiedlichste Menschen, Babys und Rentner, Wohnungslose und wohlhabende Bürgerinnen, Ur-Heidelberger und Geflüchtete, die vor kurzem erst in Deutschland angekommen sind. Auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen, beim Spielen, Tanzen und Bauen lernen sie sich kennen und wachsen zusammen. Der Kiosk ist der Dreh- und Angelpunkt für vielfältige Veranstaltungsformate und von Frühling bis Herbst an drei Wochentagen geöffnet. Er ist eine Versorgungsstation ohne Konsumzwang und schafft Raum für Alltagsbegegnungen, atmosphärisches Nebeneinander sowie aktives Miteinander. Wöchentlich trifft sich hier auch die Planungsgruppe.
Jasper Schmidt: Für die Formate, die wir hier anbieten und die wir uns für diesen Ort ausdenken, sind drei Begriffe zentral. Der eine ist klar, er steht über allem: Begegnung. Der andere ist: Selbstwirksamkeit. Und der dritte Begriff ist: Perspektivwechsel. Für das Begegnen und Zusammenkommen sind unsere niedrigschwelligen Spielangebote wichtig, die man dauerhaft nutzen kann, wenn der Kiosk geöffnet ist. Bei der Selbstwirksamkeit geht es darum zu merken, dass etwas Gemeinsames entstehen kann, wenn ich in der Gruppe aktiv bin und was mache und an was dranbleibe. Wir haben zum Beispiel Hocker gebaut oder Tribünenelemente, wir nähen an einer riesigen Picknickdecke, die aus Stoffstücken besteht, die Menschen mitbringen und mit denen sie persönliche Erinnerungen verbinden und die hoffentlich irgendwann mal auf 30x5 Meter den halben Park überspannt. Gemeinsam zu bauen, stärkt den Zusammenhalt. Und für den Perspektivwechsel haben wir Formate entwickelt, mit denen man den Ort neu entdecken kann, da geht es um die individuelle Kartierung des Ortes. Wir wollen zeigen, dass der öffentliche Raum ein Raum ist, den man gemeinsam gestalten kann. Ein Raum, der niemals fertig ist und der nur darauf wartet, dass man ihn gemeinsam mit anderen belebt.
Gibt es in dem Zusammenhang ein besonders schönes Erlebnis, das die bisherigen Erfahrungen auf den Punkt bringen kann?
Jasper Schmidt: Eins meiner Highlights ist, dass die Besucherinnen und Besucher des Parks anfangen, ihre Kinder mitzubringen, auch ich bin hier mittlerweile mit meinen Kindern unterwegs. Wir merken, spielende Kinder verändern die Stimmung im Park. Und die Leute aus der Straßenszene reagieren positiv darauf, sie wollen nachmittags fit sein, um mit den Kindern zum Beispiel Frisbee spielen zu können. Im Laufe der Zeit sind zudem einige Menschen aus der Straßenszene und Geflüchtete zu festen Mitgliedern des Projektteams geworden. Der Kontakt zu anderen Ehrenamtlichen hat ein stabiles Umfeld geschaffen und den Anstoß für Reflexionen über die eigenen Lebensumstände gegeben, wodurch für manche die ersten Schritte zur Veränderung möglich wurden.
Ute Seitz: Was hier im Bella Park immer wieder besonders ist, sind diese spontanen Begegnungen zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden und die in der Gesellschaft eher unsichtbar bleiben. Und das hat viel mit unseren niedrigschwelligen Spiel-Angeboten zu tun. Deshalb entstehen Begegnungen, die eigentlich gänzlich unwahrscheinlich sind, zum Beispiel spielt dann der volltätowierte Mann mit Glatze und Böhse Onkelz-Shirt plötzlich mit dem Flüchtling zusammen vier Partien Tischtennis und beide klatschen sich danach ab.
Hat sich denn vor diesem Hintergrund die Atmosphäre im Park schon geändert?
Jasper Schmidt: Die Frage nach der Veränderung ist eine, die wir uns ständig stellen und die wir mit ganz unterschiedlichen Stellen diskutieren. Wir sind uns sicher – und das spiegeln uns auch Ordnungsamt und Polizei – dass durch unsere Anwesenheit und Angebote die Konflikte im Park, die sich häufig rund um den Brunnen abspielen, deutlich weniger geworden sind. Da wird ein Element von sozialer Kontrolle wirksam, die Menschen achten mehr auf sich. Und es wird mehr Rücksicht aufeinander genommen, es wird ein Streit geschlichtet, bevor er eskaliert. Wir bringen mit unseren Angeboten Dinge in den Park, die vorher noch nicht da waren und das schafft natürlich auch eine Atmosphäre, die bisher noch nicht da war. Und gleichzeitig muss man sagen, einen Ort und seinen Charakter zu verändern ist ein Prozess, der viel Geduld und Zeit braucht – aber wir sehen, in welche Richtung es geht und dass der Ort eine sehr schöne Entwicklung nimmt.
Ute Seitz: Die Atmosphäre im Park hat sich ganz stark verändert, weil wir die Leute, die den Park nutzen, eingebunden haben. Die Atmosphäre hat sich geändert, weil wir uns als Gruppe zusammen verantwortlich für den Ort fühlen im Sinne von: Wir nehmen das hier gemeinsam in die Hand und versuchen, diesen Ort zusammen zu verändern.
Wie gelingt es, unterschiedliche Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen?
Ute Seitz: Über die Ansprache der Nutzergruppen haben wir uns viele Gedanken gemacht. Das ist tatsächlich eine ziemlich große Herausforderung, schon allein der verschiedenen Sprachen wegen. Wir haben extra zwei Menschen eingestellt, die keine andere Aufgabe haben, als alle Leute, die in den Park kommen, willkommen zu heißen. Es ist ganz wichtig, die Menschen direkt anzusprechen. Wenn hier jemand vorbeiläuft und ein bisschen unsicher guckt, dann ist es total wichtig, dass die Person dann gleich in Empfang genommen wird und man ein kleines Schwätzchen hält und dadurch zeigt, dass der BELLA PARK nichts Privates ist, sondern dass jeder dazukommen kann. Diese Begegnungsmomente in Gang zu setzen, da steckt ganz viel Arbeit drin.
Jasper Schmidt: Für das Projekt ist der Oberbegriff der gemeinsamen Parkproduktion zentral und ein wunderbarer Ausgangspunkt, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Parkproduktion heißt, gemeinsam aktiv zu werden. Dafür braucht es immer wieder Aushandlungsprozesse. Was brauchst du an diesem Ort? Was wünschst du dir hier? Was stört dich an dem, was wir jetzt gerade machen? BELLA PARK ist eben nicht nur eine Vision, gemeinsam etwas zu schaffen, sondern auch eine Plattform für die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer.
Wie blickt die Nachbarschaft auf das Projekt, auf den Park, auf den Ort?
Jasper Schmidt: Ich glaube, die Nachbarschaft gibt es nicht. Was es gibt, sind sehr unterschiedliche Perspektiven, mit denen Menschen aus der Nachbarschaft auf den Ort und das Projekt blicken. Natürlich gibt es Nachbarinnen und Nachbarn, die das Gefühl haben, wir verstärken die Probleme, auch weil unsere Angebote von einer Zielgruppe genutzt werden, die sie an diesem Ort eigentlich gar nicht haben wollen. Für diese Nachbarinnen und Nachbarn ist der Ort belastend, ein abgeschriebener Ort, auf den sie keine Lust mehr haben. Denen können wir mit unserer Arbeit jetzt zeigen: Wenn wir da sind, seid ihr sicher. Und dann gibt es aber auch Nachbarinnen und Nachbarn, die sich einfach total freuen, dass hier was passiert, die auch sehr gut verstehen, wie wichtig der Ort für Menschen ist, die bisher überall anders vertrieben wurden und die hier einen gewissen Schutz- und Freiraum gefunden haben. Diese Nachbarinnen und Nachbarn sind froh, dass wir den Menschen und dem Ort eine neue Perspektive geben, dass der Ort mehr kann, als zu stören.
Ute Seitz: Am Anfang dachten manche aus der Nachbarschaft, wir wären eine Art Bürgerwehr, die die Menschen am Brunnen vertreiben will, manche dachten, wir machen mit unseren Angeboten Sozialarbeit, die sich nur an die Straßenszene richtet. Das heißt, da ist erst mal ganz viel Vermittlungsarbeit nötig, um die Leute darüber zu informieren, was wir tatsächlich machen. Wir möchten zeigen, dass wir nicht hier sind, um die Anwohner zu stören, sondern dass es uns darum geht, Ort und Park zusammen zu gestalten. Gleichzeitig möchten wir den Austausch mit der Nachbarschaft weiter intensivieren, damit BELLA PARK auch zu ihrem Projekt wird.
Wie klappen die Zusammenarbeit und die Kooperation mit der Kommune, mit der Verwaltung, mit der Politik?
Ute Seitz: Durch kontinuierlichen, persönlichen Austausch hat sich mittlerweile eine vertrauensvolle Beziehung zu Entscheidungsträgern in Schlüsselämtern etabliert. Dies bildet einen wichtigen Grundstein für langfristige Kooperationen jenseits formaler Strukturen. Und durch unsere Arbeit in den letzten Monaten und die viele Zeit, die wir hier verbringen, hat sich noch mal ein ganz anderes Wissen über diesen Ort aufgebaut, über das die Verwaltung nicht verfügt, es aber gerne nutzt.
Jasper Schmidt: Dennoch ist es mitunter schwierig, weil die Verwaltung natürlich ganz anders arbeitet als wir, unser offener Projektmodus trifft dann auf silohafte Verwaltungsstrukturen. Und da merken wir, dass der Weg zur Koproduktion, bei der man gemeinsam schnell und pragmatisch nach Lösungen sucht, noch weit ist. Viele Probleme, die sich hier im Park ergeben, liegen quer zur Verwaltungslogik der geregelten Zuständigkeiten, sie lassen sich eben nur gemeinsam lösen, es geht nur mit Zusammenarbeit. Da muss man auch mal mutig sein, da darf man nicht beim ersten Gegenwind die Unterstützung wieder zurückfahren, sondern man muss auch mal was ausprobieren können und gucken, wie das läuft. Für uns ist es deshalb sehr hilfreich, dass die Verwaltungsspitzen unseren Ansatz und unsere Arbeit zunehmend verstehen.
Was ist in fünf Jahren aus dem BELLA PARK geworden?
Jasper Schmidt: Also in fünf Jahren ist unser Projekt ein wunderbares Beispiel dafür, wie Zivilgesellschaft, Stadtverwaltung, Nachbarschaft und all die verschiedenen Menschen, die eine Stadt ausmachen und gestalten, in der Entwicklung einer solchen Freifläche zusammen einen anderen Weg gegangen sind. Bei dem es eben nicht darum geht, mit einem Masterplan und externen Planungsbüros einen Ort mit einer großen Vision zu überplanen, sondern wo man schrittweise geschaut hat, was funktioniert. Was braucht dieser Ort? Was brauchen die verschiedenen Menschen, die einen Anspruch auf den Ort haben? Was braucht eine qualitativ hochwertige Grünfläche und welchen Nutzen hat sie für eine Stadt? Damit all diese Fragen und Bedürfnisse berücksichtigt werden können, braucht es Aushandlungsprozesse. Und für diese Aushandlungsprozesse haben wir mit der Parkproduktion eine Plattform geschaffen. Wir zeigen, dass öffentlicher Raum mehr sein kann als Parkbank, Blumenbeet und Mülleimer.
Ute Seitz: Mit BELLAs INSELN und BELLA SUPERGRÜN setzen wir gemeinsam mit den aktuellen Nutzerinnen und Nutzern verstärkt auf die Gestaltung und Pflege des Parks. Denn nach zwei Jahren intensiver Arbeit vor Ort wissen wir, was es braucht, um BELLA PARK als sicheren und attraktiven Treffpunkt weiter zu stärken. Ansprechend gestaltete Aufenthaltsinseln aus robusten und verkehrssicheren Gerüstmodulen sollen künftig Nutzungen, die sich bewährt haben, im Park verankern. Parallel dazu arbeiten wir daran, das Projekt in langfristige Finanzierungsstrukturen zu überführen. Zudem setzen wir uns dafür ein, dass Nutzer, Nachbarschaft und Beteiligte auch langfristig bei der Entwicklung des Quartiers mitreden können. Dafür gilt es, gemeinsam mit der Stadtverwaltung einen gangbaren Prozess zu entwickeln.